Die Theorie der somatisch-neuronalen Entstehung von Werten, die a-chronologische Gedächtniszeit und die Verschränkung von Zeit und Bewerten

Werner Leinfellner

Abstract


Erkenntnis beginnt mit Bewerten. Die Sozialwissenschaften unterscheiden sich grundsätzlich von den Naturwissenschaften, denn sie fussen auf pragmatischen Werten, Bewertungen und Präferenzen, deren Anwendungen den Menschen Handlungen, Entscheidungen und Konfliktlösungen ermöglichen. Die Frage, woher alle diese Werte stammen, war aber bisher ein offenes Problem (Arrow). Das änderte sich mit A. Damasios somatischer, neuronaler Theorie der individuellen Wert-Entstehung, nach der am Anfang jeder menschlichen Erkenntnis ein somatisch-neuraler, gehirnphysiologischer Bewertungsprozess steht. Von der Apperzeption in unseren Sinnesorganen, den Aussenposten unseres Gehirns, gehen Impulse aus, die über elektrische Leitungen auf den Nervenbahnen zu unserem Gehirn und dort zur Amygdala in unserem Kleinhirn führen. Dort erzeugen sie primitive Gefühle. Die veränderten Impulse gehen weiter zu den beiden vorderen Schläfenlappen, wo sie Vorläufer von präferenziellen Bewertungen werden, die uns später bewusst werden können, wie bei Damasio und Howard dargestellt. Werte sind Präferenzen, vice versa, und sie werden als solche in unserem individuellen Gehirngedächtnis gespeichert. Unser primitives präferenzielles Verarbeiten produziert in der unglaublich kurzen Zeit von 1/300 sek. eine Bewertung, die unsere Handlungen bestimmen kann (Beispiele). Verschränkt oder kombiniert man das menschliche Bewerten mit der gewöhnlichen anschaulichen Zeit, dann verändert sich diese zur internen Zeit des Gedächtnisses, analog dazu, wie sich die gewöhnliche Zeit in der Relativitätstheorie ändert. In unserem individuellen Gedächtnis liegen daher zeitlich vergangene Bewertungen unseres Lebens nahezu zeitlos gespeichert. Man erinnert sich z.B. an das schönste Gebäude, das man je gesehen hat. Man wird sich vielleicht auch daran erinnern, dass man es unter einem strahlend blauen Himmel gesehen hat, und dass man nachher in einem hübschen Kaffeehaus war; aber an die kalendarische Zeit, zu der sich all das abgespielt hat, kann man sich nicht mehr erinnern. Dieses einfache Beispiel zeigt, dass die Gedächtniszeit GZ eine anschauliche, interne, imaginäre Zeit ist, in der wir alles mit allem vergleichen und bewerten können, und die sich von dem Modell der normalen Alltagszeit AZ unterscheidet. So hat ein 84- jähriger oder 2.522.880.000 Sekunden alter Mann im Schnitt 7.568.640.000 mögliche Bewertungen gespeichert, die ihm auch geholfen haben, 84 Jahre zu überleben. Der Vortrag zeigt, dass es eine Gedächtniszeit GZ für das vergangene individuelle Leben gibt, und auch eine kollektive Geschichtszeit KGZ - nicht die Geschichte - die von der traditionellen, mathematischen, linearen Zeit Newtons, Leibniz' und Kants ähnlich abweicht, wie die Relativitätszeit oder die quantentheoretische Zeit von der traditionellen Zeit. Es ist klar, dass der Sinn eines gelebten Lebens sowohl des Einzelnen als auch der z.B. einer Nation eigentlich nur von der Summe oder den Häufigkeiten der positiven oder negativen Bewertungen in der individuellen und kollektiven Gedächtniszeit abhängt, aber nicht von den Kalenderdaten. Da wir diese Werte in unserem individuellen Gedächtnisspeichern und gebrauchen, um individuelle und soziale Konflikte zu lösen, stellt sich die Frage nach der Rolle unserer vorgestellten, imaginären Gedächtniszeit, bzw. der geschichtlichen Zeit. Ramsey, Nash, NeumannMorgenstern, Suppes und Leinfellner haben einen Algorithmus, eine mathematisch-statistische Rekonstruktion, wie man in der Gedächtniszeit oder der geschichtlichen Zeit bewertet, aufgestellt; er wird in dem Vortrag behandelt werden. Sie sind zu dem Ergebnis gekommen, dass diese internen Bewertungen den Vorteil haben, Zufallsereignisse, Unsicherheit und Risiken einkalkulieren zu können. Deswegen sind, trotz allem, Bewertungen der zuküntigen Verbesserungen oder Verschlechterungen der individuellen und der kollektiven demokratischen Wohlfahrt in Wohlfahrtsstaaten für die Berechnung von Voraussagen brauchbar. In dieser Rekonstruktion sind Voraussagen nur statistische Erwartungen von individuellen und kollektiven zukünftigen Chancen und Risiken. Sie sind, wie alle Werte, Mischungen von positiven und nicht positiven, erwarteten Werten A und B, wobei [pA, (1-p) B]. Sie alle bedürfen zusätzlich einer wissenschaftlichen Überprüfung, wie in Leinfellner 2005 vorgeschlagen. Das lässt uns die Krise der Voraussagbarkeit z.B. in der gegenwärtigen Ökonomie, in den Politischen Wissenschaften und in der Soziologie in einem neuem Licht sehen. Voraussagen können nur Erwartungen für die Zukunft ausdrücken, aber nicht mehr. Die individuelle Zeit des Gedächtnisses weicht von der traditionellen Zeit wie folgt ab: Der Unterschied zwischen Vergangenem, Gegenwärtigem und Zukünftigem verschwimmt; sie operiert quasi omnipräsent, wie Einstein für die Physik sagte: Unterschiede zwischen Vergangenem, Gegenwärtigem und Zukünftigem sind "only a stubbornly persistent illusion". Weiters hebt sich in der Gedächtniszeit die eventuelle Gleichzeitigkeit von Bewertungen auf, weil die Gleichbewertung die Gleichzeitigkeit ersetzt. Die individuelle Zeit hat Unterbrechungen und Lücken, ist nicht unendlich und nicht kontinuierlich, aber gestattet dennoch willkürliche kalendarische Ordnungen. Sie lässt Umwertungen desselben Ereignisses auch nach beliebig langer Zeit zu, im kollektiven Fall auch nach Jahrhunderten. Die so verarbeiteten präferenziellen Erwartungswerte bewerten und vergleichen alles mit allem in einer Form, die man mathematisch mit Lotterien vergleichen und daher berechnen kann. Z.B.: Man hat den Tag der Heirat vor zehn Jahren als den schönsten Tag des Lebens bewertet, bis man ihn nach der Scheidung plötzlich als das grösste Unglück bewertet. Einstein, der 1917 stolz auf seine Lambda-Konstante war, bewertete sie nach 1929 als die grösste Eselei seines Lebens. Dasselbe gilt, mutatis mutandis, für geschichtliche Ereignisse wie einen verlorenen Krieg für die Verlierer, die ihn begonnen haben. Wirtschaftsprognosen in demokratischen Wohlfahrtsstaaten gelten nur für 3-6 Monate. Verwirklichungen müssen durch Bayes'sche Lernprozesse ergänzt werden, die, in Demokratien, die individuelle und kollektive Wohlfahrt verbessern oder zumindest nicht verschlechtern sollen. Sie nähern sich damit evolutionären Prozessen.

Keywords


20th century philosophy; 20th century philosophy; linguistics; philosophy; philosophy; philosophy of time; Wittgenstein Ludwig; Wittgenstein Ludwig; aspect; ethics; grammar; language; linguistics; memory; neuroscience; now; Damásio António; Jespersen Otto

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