Das „Jetzt“ bei Wittgenstein – Über Gegenwart und Wandel

Gabriele M. Mras

Abstract


Das Anliegen, den Gebrauch von ‚jetzt’ zu klären, ist mit diversen Schwierigkeiten behaftet. Da Aussagen wie „jetzt ist es 6.00“ synthetische sind, so muß auch das, was zu einer bestimmten Zeit über eine bestimmte Zeit gesagt wird, falsch sein können. Wenn der Ausdruck ‚jetzt’ referierende Kraft haben soll, so kann es für den Sprecher also nicht der Zeitpunkt der Äußerung sein, der als Referent von ‚jetzt’ fungiert. Der Sprecher kann sich nämlich im Irrtum darüber befinden, ob der Zeitpunkt, an dem es 6.00 ist oder an dem ein bestimmtes Treffen stattfindet (John Perrys Beispiel), jetzt ist. Angesichts der offen gebliebenen Frage, worauf der Sprecher sich denn beziehe, wenn er ‚jetzt’ sagt, könnte man nun auf die Idee kommen, gerade das Moment des Nicht-Wissens um den Zeitpunkt der Äußerung zu einem bestimmenden Merkmal der Funktion des Ausdrucks selbst zu erklären. So hat etwa Russell ‚jetzt’ als einen Fall eines ‚egozentrischen Terms’ aufgefaßt, dessen Leistung es sei den Bezug zur Zeit einer Äußerung gerade deswegen herzustellen, insofern sein Gebrauch unvermittelt und direkt sei. Genau gegen diese Ansicht sind Wittgensteins Überlegungen zur Bedeutung von temporalen Adverbien im Brauen Buch gerichtet. Nicht nur sagt Wittgenstein im Braunen Buch explizit, daß der Gebrauch von ‚jetzt’ nicht verstanden worden ist, wenn die Referenz von ‚jetzt’ als der Zeitpunkt, zu dem jemand ‚jetzt’ sagt, aufgefaßt wird. Die primitiven Sprachspiele, die Wittgenstein im Braunen Buch vorstellt, sollen auch zeigen, inwiefern diese Ansicht über die Bedeutung von temporalen Adverbien auf einer verkehrten Ansicht über das Gelingen der Deixis beruht.

Keywords


20th century philosophy; philosophy; Wittgenstein Ludwig; epistemology; experience; language game; now; time

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